Rotmilan: Gehäckselt im Rotorblatt

PROGRESS – Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif-)Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen

Im Jahr 2015 wurde das weltweit größte Forschungsprojekt zum Thema „Windkraft und Greifvögel“, PROGRESS – Ermittlung der Kollisionsraten von (Greif-)Vögeln und Schaffung planungsbezogener Grundlagen für die Prognose und Bewertung des Kollisionsrisikos durch Windenergieanlagen abgeschlossen.

Die Publikation des 2012 vom Bundesumweltministerium an BioConsult SH in Zusammenarbeit mit ARSU, IfAÖ und der Universität Bielefeld in Auftrag gegebenen Projektes steht bis heute aus, erste Ergebnisse wurden jedoch im Rahmen von Vorträgen bei wissenschaftlichen Tagungen bekannt, u.a. bei der CWW (Conference on wind energy and wildlife impacts) der TU Berlin im März 2015.

Über 2,5 Jahre (2012-2014) wurden durch die Projektpartner 46 Windparks Norddeutschlands durch Felduntersuchungen mit dem Ziel begutachtet, eine belastbare, artbezogene Schlagopferzahl pro Windkraftanlage zu erhalten, die letztlich Aussagen über den Trend der Populationsgefährdung von Vogelarten durch Windparks geben kann. Diese Untersuchung sollte auch die mehr oder weniger zufällige bundesweite Schlagopfermeldung, welche in der Zentralen Datenbank der Vogelwarte Brandenburg geführt wird, ergänzen.

Insgesamt wurden während der Feldbegehungen in den Windparks 291 Schlagopfer gezählt. Die meisten Opfer waren Brutvögel, welche in den Windparks Nahrung suchten bzw. rasteten. Hinzu kamen Vögel, welche zur Zugzeit das Gebiet querten. Am häufigsten unter den Schlagopfern waren Ringeltauben, Stockenten, Mäusebussarde, Lachmöwen und Stare. Die ermittelten Suchergebnisse wurden unter verschiedenen Aspekten (Sicht aufgrund Vegetationshöhe, artbezogene Abtragrate, Sucheffizienz, Suchzeitraum und -abstand) nochmals korrigiert.

Für den Mäusebussard als ständig in den untersuchten Gebieten vorkommende Art wurde auf diese Weise eine durchschnittliche Kollisionsrate von 0,48 pro Turbine und Jahr berechnet, für den Rotmilan (bei Nachweis der Art im Gebiet) 0,18. Diese Zahlen wurden für Norddeutschland als belastbar verifiziert. Bei Hochrechnung dieser Kollisionsrate auf alle 3.200 aktuell in Schleswig-Holstein installierten Windkraftanlagen kann für den Mäusebussard eine Schlagopferzahl von 1.600 Tieren pro Jahr angenommen werden oder anders ausgedrückt kollidieren bei einem nachgewiesenen Bestand von ca. 25.000 Individuen in Schleswig-Holstein jährlich 6 % der Population des Mäusebussards mit Windkraftanlagen.

Weitergehende Untersuchungen beschäftigten sich mit der Frage, ob diese zusätzliche Sterblichkeit angesichts des deutschlandweiten Bestandstrends von Mäusebussard und Rotmilan eine Populationsgefährdung bedeutet und ob ein Zusammenhang mit der Errichtung von Windenergieanlagen herstellbar ist. Auf der Basis des jährlichen Monitoringberichts für Europäische Greifvögel und Eulen wurde dafür die Populationsentwicklung von Mäusebussard und Rotmilan für die Jahre zwischen 1986 und 2006 (also vor Errichtung von Windenergieanlagen) ermittelt.

Nach Implementierung der ermittelten jährlichen Kollisionsrate von 0,48 für den Mäusebussard und 0,18 für den Rotmilan, welche im Vergleich zu den windkraftfreien Jahren eine zusätzliche Sterblichkeit darstellt,  war erkennbar, dass der Mäusebussard bei gleich bleibender Kollisionsrate, d.h. bei Fortbestand der aktuell vorhandenen Windkraftanlagenzahl innerhalb der nächsten 25 Jahre einen Rückgang  der Bestandsdichte um ca. 60 % erleiden wird. Der bereits vor Errichtung von Windkraftanlagen zu beobachtende negative Bestandstrend beim Rotmilan in Deutschland wird durch die zusätzliche Mortalitätsrate innerhalb der nächsten 25 Jahre fast zum Zusammenbrechen der Population führen.

Quellen:

http://bioconsult-sh.de/site/assets/files/1497/1497_projektbeschreibung-progress_20120112.pdf

2016 Progress-Studie erste Ergebnisse CWW Berlin.pdf

2016 Universität Bielefeld Mortality from collisions with wind turbines.pdf

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