Sächsisches Naturschutzforum

1. Sächsisches Naturschutzforum 2018

Am 02. Juni 2018 richtete der NaSa e.V. gemeinsam mit der GRÜNEN LIGA Sachsen e.V. in Oederan die Auftaktveranstaltung für ein neues Öffentlichkeitsformat aus – das Sächsische Naturschutzforum. Das Forum dient getreu seiner ursprünglichen Bedeutung als „Ort der Volksversammlung“ als Austauschplattform für aktive Naturschutzkräfte, unabhängig von parteipolitischen und behördlichen Vorgaben und damit als Podium für den „Naturschutz von unten“.

Es stand in diesem Jahr unter dem Motto: Naturschutz in Sachsen – Anspruch und Wirklichkeit.

Nach dem Grußwort von Steffen Schneider, Bürgermeister von Oederan, ergriff Tobias Mehnert als Vorsitzender von GRÜNER LIGA Sachsen e.V. und NaSa e.V. das Wort, um in seinem Vortrag eine Standortbestimmung zum Naturschutz in Sachsen zu formulieren. Er spannte dabei den Bogen von den Grundlagen des Naturschutzes im Freistaat (Flächen und deren Nutzung) über die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben hin zu den Rahmenbedingungen des Naturschutzes (administrative Verwaltung und Finanzausstattung) und stellte fest, dass alle drei Faktoren seit 1990 deutliche Verbesserungen aufweisen. Dennoch konnten sowohl das Artensterben insbesondere im Offenland als auch die Versiegelung des Bodens und die Zerschneidung der Landschaft nicht aufgehalten werden. Wesentliche Ursachen dafür, dass das Ziel des Gesetzgebers, der Erhalt der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes, trotz der guten Rahmenbedingungen klar verfehlt wird, sieht er

  • in den Änderungen der Verwaltungsstruktur, welche insbesondere seit 1998 erfolgten und in deren Folge der Naturschutz immer mehr wirtschaftlichen und wahlpolitischen Zielstellungen untergeordnet wurde,
  • in der Art der Nutzung und Verwaltung der Flächen der öffentlichen Hand (insbesondere Freistaat), die – obwohl vom Gesetz her verpflichtet – die Ziele des Naturschutzes eben nicht in besonderer Weise umsetzt sondern ebenfalls wirtschaftlichen und wahlpolitischen Zielstellungen unterordnet,
  • in der Schwäche und teilweise mangelnden Integrität der anerkannten Naturschutzverbände als Korrektiv („Anwälte für die Natur“)

Sein Fazit lautet deshalb:

  1. Naturschutz als Lebensraumschutz für den Menschen und alle Mitgeschöpfe kann nicht einem Wirtschaftsministerium untergeordnet sein. Unser Vorschlag deshalb: Entflechtung der Interessenkollision durch Eingliederung des Naturschutzes in das Innenministerium.
  2. Wiederaufbau einer effizienten, einer durchgängigen Kontrolle unterliegenden
    Verwaltungsstruktur, die nicht von parteipolitischen Interessen von Wahlfunktionären in den Landkreisen geleitet wird.
  3. Damit die Entscheidungen von Fachkompetenz geprägt sind, Wiederaufbau einer ebenso von parteipolitischer Einflussnahme unabhängigen Fachbehördenstruktur auf jeder Verwaltungsebene.
  4. Die Großschutzgebiete des Freistaates gehören in die Verwaltung einer
    Naturschutzbehörde und nicht in die Verwaltung eines Wirtschaftsbetriebes (Sachsenforst).
  5. Die Eigentumsflächen des Freistaates müssen das Grundgerüst für den Biotopverbund bzw. spezielle Artenschutzmaßnahmen bilden. Störungsarmut im Wald und Nutzungsextensivierung bzw. gezielte Stilllegung sind dort in besonderer Weise umzusetzen.
  6. Dem Flächenverbrauch durch Bebauung und damit Verlust von Lebensraum ist mit einem an den realen Eingriffsfolgen orientierten Eingriffsausgleich zu begegnen. Eingriffe sind zu verteuern, dann sinkt auch der Flächenverbrauch.
  7. Eingriffe in Schutzgebieten sind auf die gesetzlich vorgeschrieben Ausnahmen aus
    Gründen der Landesverteidigung bzw. der Abwehr von Gefahren für Leib und Leben zu beschränken. Für Freizeitanlagen, Umgehungsstraßen und Radwege treffen diese Kriterien ausdrücklich nicht zu.
  8. Privatinitiativen im Naturschutz, welche aktiv für den Schutz der Natur und die Mehrung der Naturschutzflächen eintreten, bedürfen der besonderen Unterstützung. Es muss gelingen breite Bevölkerungskreise für die Schaffung eines flächendeckenden Biotopverbundsystems, welches ausdrücklich auch außerhalb von Schutzgebieten die Landschaft durchzieht, einzubinden. Die Mittel des Naturschutzes müssen für eine Naturschutzbewegung „von unten“ eingesetzt werden. Den privaten Grundstückseigentümern kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.
  9. Die private Naturschutzbewegung muss sich wieder auf ihre Wurzeln besinnen. Diese liegen im Engagement zum Schutz bedrohter Lebensräume und Arten. Dass dies nicht konfliktfrei ist, liegt in der Natur der Sache. Deshalb hat eine Naturschutzvereinigung, die das Recht zur rechtsstaatlichen Überprüfung von naturbeanspruchenden Planungsvorhaben hat auch die Pflicht, dieses Recht zu nutzen.

Vortrag Tobias Mehnert als pdf: Naturschutz in Sachsen-eine Standortbestimmung


Nach diesen grundsätzlichen Einschätzungen zur aktuellen Situation des Naturschutzes in Sachsen ergriff Dr. Norman Pohl von der TU Bergakademie Freiberg das Wort und referierte als Umwelthistoriker  in seinem Vortrag „Nachhaltigkeit – eine Umweltgeschichte von Schein und Sein“ über Ursprung, Inhalt, Sinnentwicklung und aktuelle Verwendung des Begriffes „Nachhaltigkeit“. Dessen Bedeutung in der aktuellen Debatte geht im Wesentlichen auf die Weltumweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 zurück (Sustainable development, sustainable growth), wobei der in der deutschen Übersetzung verwendete Begriff „Nachhaltigkeit“ eine Sinnwandlung bzw. -ausdehnung erfuhr, denn er bezog sich ursprünglich ausschließlich auf nachwachsende Rohstoffe (Hannß Carl von Carlowitz, Sylvicultura oeconomica – nachhaltige Forstwirtschaft). Seit den 90er Jahren hat sich „Nachhaltigkeit“ als Synonym für die dauerhafte Sicherung der menschlichen Bedürfnisse bei begrenzten Ressourcen zu einem allgemeinen „Kampfbegriff“ in der Politik entwickelt und ist mittlerweile im mainstream angekommen in Form eines „Wohlfühlfaktors“, der als Etikett immer mehr Produkten und Tätigkeiten ein positives Image schenken soll. Wie immer verliert auch hier mit zunehmender Sinn-Ausweitung eines Begriffes dieser zunehmend an Bedeutung und steht am Ende für alles und nichts, wie Dr. Pohl an zahlreichen Beispielen eindrucksvoll und mit einem Augenzwinkern ausführte.

Als Resultat dieser Entwicklung bleibt festzuhalten, dass in ernsthaften Diskussionsprozessen, die im Sinne des Naturschutzes Ergebnisse erzielen wollen, der Begriff der Nachhaltigkeit eher der Legitimierung von Eingriffen dient als dass er tatsächlich zu im Sinne ernsthaften Naturschutzes tragfähigen Entwicklungen führt.


Nach Dr. Pohls historisch – philosophisch ausgerichtetem Vortrag führte Wolfgang Riether von Pro Naturschutz Sachsen e.V. die Zuhörer zurück in die Realität der Naturschutzarbeit mit der Frage „Schützen die sächsischen Naturschutzgebiete die sächsische Natur?“. Eine berechtigte Frage möchte man meinen, umfasst die Summe aller Schutzgebietsflächen doch fast 70 % der Landesfläche des Freistaates Sachsen (wobei zu beachten ist, dass sich in einer Vielzahl von Fällen die Schutzgebiete überlagern) und doch hat das Artensterben auch Sachsen nicht verschont. Wolfgang Riether führt die offenkundlichen Defizite insbesondere bei den Naturschutzgebieten (NSG) auf drei Aspekte zurück: rechtlich, fachlich und umsetzungsmäßig. Bis heute, 28 Jahre nach der politischen Wende, sind erst ca. 58 % der Rechtsverordnungen der NSG auf dem aktuellen Stand des Rechts (rechtsangepasste alte Verordnungen und neue), 42 % widerspiegeln noch das alte DDR-Recht mit allen seinen Rechtsunsicherheiten. Auch wurden nur noch wenige NSG neu ausgewiesen, 142 der insgesamt 217 NSG gehen auf den Zeitraum von 1945 bis 1990 zurück, danach lediglich 75. Zudem wurden in den Jahren 2001 und 2007 durch die Regierungspräsidien allgemeine Verordnungen für NSG erlassen, welche die Schutzgebietsverbote aufweichten zugunsten der Interessen der Landnutzer, hier vor allem der Land- und Forstwirtschaft. Als fachliche Aspekte bemängelt Wolfgang Riether die seit 1999 fehlende konzeptionelle Strategie für die NSG im Landesmaßstab. Noch in den Jahren 1992 und 1995 erarbeitete das Sächsische Staatsministerium für Umwelt ein Schutzgebiets- und Biotopschutzprogramm für den Freistaat Sachsen, welches als verbindliche Arbeitsgrundlage den Naturschutzbehörden übergeben wurde. Diese fachlich fundierte Schutzgebietsarbeit endete im Jahr 1999, in dem per Erlass des neu geschaffene Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) weitere Unterschutzstellung von NSG aussetzte (im entsprechenden Erlass dazu  wurde von personellen und finanziellen Gründen gesprochen). Dies führte dazu, dass seitdem jegliche konzeptionelle Stragie für die Schutzgebiete „eingefroren“ wurde und lediglich ein fachlicher „Minimalaufwand“ für einzelne NSG (Schutzwürdigkeitsgutachten) betrieben wurde. Auch erfolgt die Betreuung der NSG seit Jahren unzureichend. Hinsichtlich der Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen in den NSG führte Wolfgang Riether zahlreiche Beispiele auf, wo innerhalb der NSG fachlich fragwürdige Arbeiten behördlich angeordnet bzw. Pflegemaßnahmen falsch umgesetzt wurden. Seine Fotos zeigen, dass insbesondere großflächige Fäll- und Schnittmaßnahmen an Hecken nicht der Erhaltung dieser Biotope dienen und nicht notwendig sind. Auch Wiesen“pflege“ unter Einsatz schwerer Technik, Mähtraktor und Ladewagen führt zur Zerstörung der unter anderen Bedingungen entstandenen Lebensräumen und damit der Vernichtung von bodendruckempfindlichen Pflanzen. Ein weiteres Thema seines Vortrages war der unzureichende Schutz der NSG vor Eingriffen und die mangelnde Ahndung derselben. Vor allem in den waldbestockten NSG sieht Wolfgang Riether erhebliche Probleme, da diese oftmals durch den Staatsbetrieb Sachsenforst entgegen den Schutzgebietsregelungen intensiv und mit teilweise zerstörerischen Eingriffen bewirtschaftet werden. Er belegte dies mit vielen eindrucksvollen Fotos.

Als Resumee seines Vortrags formuliert er folgende Forderungen:

  • Erarbeitung eines landesweiten Schutzgebietsprogrammes aus rein naturschutzfachlicher Sicht.
  • Auf Grund der Schutzbedürftigkeit der betroffenen Schutzgüter sind entsprechende Schutzgebiete einzurichten und deren Pflege und Entwicklung zu gewährleisten.
  • Auf der Grundlage eines für jedes Schutzgebiet auszuarbeitenden und auch mit den anerkannten Naturschutzvereinigungen abzustimmenden Pflege- und Entwicklungsplan sind Pflege-und Entwicklungsmaßnahmen festzulegen, die auch finanziell zu kalkulieren sind. Diese notwendigen finanziellen Mittel sind als Budget für jedes Schutzgebiet in dem Haushalt der zuständigen Behörde einzustellen und die damit verbundenen Leistungen auszuschreiben und an geeignete Firmen zu vergeben.
  • Die Betreuung der Schutzgebiete ist ehrenamtlichen Mitarbeitern treuhänderisch zu übertragen, dazu sind diese mit den entsprechenden Vollmachten auszustatten und können eigenverantwortlich agieren.
  • Die Biotoppflege ist inhaltlich und im Umfang auf das notwendige Mindestmaß entsprechend den Vorgaben des Pflege- und Entwicklungsplanes zu beschränken.
  • Mit der Umsetzung sind nur fachkompetente Personen zu betrauen.
  • Durch eine umfängliche Kontrolle durch die Mitarbeiter der zuständige Behörde mit Unterstützung ehrenamtlicher Betreuer sind die Eingriffe in Schutzgebiete drastisch zu senken.
  • Verstöße gegen die Schutzgebietsverordnung sind konsequent zu ahnden.
  • Mögliche Verquickungen zwischen staatlicher Behörde und Naturschutzeinrichtungen sind zu lösen, Verwaltungsverfahren sind in der nächst höheren staatlichen Behörde zu bearbeiten.

Vortrag Wolfgang Riether als pdf: Schuetzen die saechsischen Naturschutzgebiete die saechsische Natur


Der folgende Vortrag „Naturschutz auf Sachsens Agrarflächen – Instrumente Akteure, Praxisbeispiele“ von Thomas Fischer, GRÜNE LIGA Hirschstein e.V. fühlte sich dazu fast wie ein Kontrastprogramm an. Thomas Fischer legte seinen Schwerpunkt auf die Darstellung der zahlreichen und umfangreichen Biotopentwicklungsmaßnahmen in der Agrarlandschaft, welche sein Verein aus privatem Engagement heraus in den vergangenen 15 Jahren in der Region Riesa-Großenhain (Elbtal) realisiert hat. Grundlage für diese erfolgreiche Tätigkeit war und ist die entsprechende Flächenverfügbarkeit als Eigentum bzw. Pacht. Der Verein sieht sich als Vermittler zwischen den Zielen der Landwirtschaft und des Naturschutzes, d.h. es werden sowohl umfangreiche Biotopanlagen wie Hecken, Wald, Feldgehölze und Feuchtgebiete als auch extensive Landbewirtschaftungen (Blühbrachen, vogelgerechte und ackerwildkrautreiche Äcker) realisiert. Ziel ist letztlich die Vernetzung zu einem Biotopverbund in der Landschaft. Finanzielle Grundlage der durchgeführten Maßnahmen sind Fördergelder der EU (Richtlinien Natürliches Erbe NE und Agrar-, Umwelt- und Klimamaßnahmen AUK) sowie die Realisierung von Kompensationsmaßnahmen. Wie umfangreich die umgesetzten Projekt sind, belegen einige Zahlen. Seit 2010 wurden neben 60 ha Wald auch ca. 52 ha Hecken gepflanzt und dabei insgesamt ca. 740.000 Pflanzen eingebracht. Auf ca. 300 ha Acker wurden temporäre Brachen angelegt. Hinsichtlich der umgesetzten Kompensationsmaßnahmen legt der Verein Wert darauf, dass sie für die Aufwertung der Naturfunktionen dauerhaft, fachlich hochwertig und so effizient wie möglich ausgeführt werden. Dabei gewährleistet das Flächeneigentum sowohl die Dauerhaftigkeit der Maßnahme als auch deren ständige Kontrolle, die sich aus der Verantwortung als Flächeneigentümer ergibt. Dass dies nicht selbstverständlich ist, belegte Thomas Fischer eindrucksvoll mit Aufnahmen von Eingriffs-Ausgleichs-Maßnahmen staatlicher Maßnahmenträger (z.B. Sächsische Landsiedlungs GmbH, Straßenbauämter), die nicht selten in fachlich unsinnigen „Kreisel-Bepflanzungen“ bzw. Unterpflanzungen bereits bestehender Gehölzstrukturen enden, um möglichst keine Landwirtschaftsflächen entsprechend der Vorgaben des SMUL in Anspruch nehmen zu müssen. Dies und die „Kleinrechnung“ des Eingriffs-Ausgleichs durch die Sächsische Handlungsempfehlung zur Bewertung und Bilanzierung von Eingriffen (siehe auch Vortrag Tobias Mehnert) führen dazu, dass Eingriffe nicht adäquat kompensiert werden und das Artensterben weiter verschärft wird. Sein Fazit lautet daher, dass die Umsetzung von  Kompensationsmaßnahmen auf den „freien Markt“ gehört und nicht in staatliche Hände.

Aus den langjährigen praktischen Erfahrungen, die der Verein und der Landwirtschaftsbetrieb Fischer mit der Umsetzung der Förderrichtlinien NE und AUK gemacht haben, formulierte Thomas Fischer im zweiten Teil seines Vortrages Konsequenzen, die zur Verbesserung der Wirksamkeit dieser Instrumente für den Artenschutz im Agrarraum dienen können. Dabei sieht er temporäre Brachen und ökologische Vorrangflächen wie Hecken und Feldgehölze im Vergleich mit allen angeboten AUK-Maßnahmen als die wirksamsten Instrumente für den Artenschutz an. Seiner Meinung nach werden Flächenmaßnahmen landesweit erst Wirkung zeigen, wenn 6-20% der Landwirtschaftlichen Nutzfläche für Brachen zur Verfügung stehen. Gerade für diese Maßnahmen wurden jedoch die Fördergelder entweder gedeckelt (Brachen) oder sukzessive gekürzt (Heckenanlage), so dass man vermuten muss, dass sie nicht gewünscht sind. Richtiger wäre es jedoch, die Fördergelder weniger effizienter Maßnahmen umzuschichten in das Brachen- und Heckenprogramm. Letzteres ist im Prinzip nicht mehr auskömmlich, da bei den Fördersätzen nicht berücksichtigt wird, dass die (dauerhaft aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausgenommene) Fläche bereit gestellt und entsprechend finanziert werden muss. Als Beleg dafür schlüsselte er alle Kosten auf, die bei einer Heckenneuanlage anfallen.

Im dritten Teil seines Vortrages stellte Thomas das in den Jahren 2012/13 umgesetzte Rebhuhnprojekt seines Vereines vor, wo durch die Anlage von Hecken, Blühbrachen und Sommergetreidestreifen auf 20 ha Acker ein strukturreicher Lebensraum für Rebhühner (und natürlich auch andere Offenlandbewohner) geschaffen wurde.

Vortrag Thomas Fischer als pdf: Naturschutz auf Sachsens Agrarflaechen


Den letzten Vortrag hielt Carsten Stein aus Herrnhut vom NaSa e.V. mit dem Titel „Von Grüner Aktion Zukunft zur Ökodiktatur -Was ist dem Naturschutz auf dem Weg verloren gegangen?“ Er fasst seinen Vortrag folgendermaßen zusammen:

Naturschutz von unten (so war der Tag überschrieben): unabhängig von parteipolitischen Zwängen und behördlichen Vorgaben.

Gegenstand diese Referates war der Blick zurück in die Anfänge: Was ist aus den Vorhersagen von Hoimar v. Ditfurth („So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“) geworden? Sind die Grundlinien des Romans „Ökodiktatur“ (D. Fleck) heute noch oder schon relevant? Was können wir von einem der Pioniere (H. Gruhl) der Anfangszeit der „Grünen Bewegung“ in Deutschland lernen?

Zum Glück sind nachweislich die schlimmsten Vorhersagen nicht eingetreten. Der prophezeite Untergang der Menschen um die Jahrtausendwende hat sich nicht ereignet. Doch unsere Umwelt krankt weiter und die Natur wird weiter rasant verdrängt und Biodiversität vernichtet. Naturschutz wird also weiterhin (und vielleicht wieder mehr als bisher) gebraucht.

Wo sind eigentlich die Wurzeln des Naturschutzgedankens zu finden? Was würde es für uns bedeuten, wenn wir uns der Wurzeln besinnen?

Die moderne Tierschutzbewegung hat christliche Wurzeln. Deutlich sichtbar ist diese Tradition bei den Heiligen und dann insbesondere bei Franz von Assisi. Luther und Calvin bezogen Aussagen des Neuen Testament (Römer 8) auf die gesamte Schöpfung und bereiteten so einem neuen Naturverständnis den Weg. Dem standen die Aufklärer gegenüber, die wie beispielsweise Descartes, die Tiere als Maschinen begriffen. Die protestantische Theologie des 17. Jahrhunderts entwickelte eine neue Perspektive: insbesondere die Vertreter des Pietismus sahen Tiere als fühlende, leidende Mitgeschöpfe und forderten Barmherzigkeit. Ende des 18. Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen gegen Tierquälerei, die sich verkürzt formuliert, im 20. Jahrhundert in Albert Schweizers „Ehrfurcht vor dem Leben“ wiederfinden.

Wie sehen diese christlichen Wurzeln aus? Jeder Bestandteil der Schöpfung im Universum geht auf den Willen Gottes zurück – damit wird der Natur (den Lebewesen) eine besondere, unveräußerliche Würde zugesprochen – unabhängig vom Menschen und seinen Interessen.Gott verbietet, Tiere willkürlich zu behandeln oder mutwillig zu quälen. Der Mensch soll auf die ihm anvertrauten Lebewesen achten und für sie sorgen. Anfangs durften Tiere weder getötet noch verspeist werden – bis nach dem Sündenfall die Sterblichkeit auch über sie kam. Der Noahbund (Genesis 2,17) gilt für Menschen und Tiere. Er verweist auch bei Tieren auf deren Seele (im Blut).Die Verpflichtung des Menschen, für die Natur zu sorgen, weil sie Gottes Eigentum ist, wurde nie aufgehoben. Nutzungsrecht und Herrschaftsauftrag (Verwalter und Beschützer Gottes) haben nichts mit Ausplündern und Zerstörung zu tun. In der Zukunft, wie sie die Bibel offenbart, wird ein dauerhafter Friede zwischen Menschen und Tieren angekündigt.

Was ist aus diesen Vorgaben geworden?

Die Gesellschaft allgemein wollte davon nichts wissen. Von Seiten der großen Kirchen waren oft Ignoranz oder Verharmlosung (man wollte sich von politischen Strömungen und der Esoterik abgrenzen) die Regel.

Das führte zu Fehlentwicklung auf der anderen Seite, die sich beispielsweise im extremen Tierschutz manifestierten: Die Bewegung ist sich ihrer christlichen Wurzeln nicht mehr bewußt und fing an die Schöpfung (bzw. Teile davon) zu vergötzen. Evolutionistisches Gedankengut und falsche Interpretation von Freiheit bzw. Dualismus (Marx!) führen zu Gesinnungsterror und Unterdrückung Andersdenkender. Damit ist einerIdeologie der Weg geebnet!

Einen Mittelweg gingen Menschen mit christlicher Prägung indem sie neue Bewegungen anstießen (Herbert Gruhl, Hoimar v. Ditfurth), aber damit lange Zeit sehr allein standen.Das änderte sich, als sog. 68er Gruppen mit starker marxistischer Prägung und ausreichend Zeitreserven dazu stießen. Jetzt entwickelten sich Umweltbewegungen als Massenbewegungen, aber der Kontakt zur Wurzel ging wieder verloren und der Schwerpunkt verlagerte sich hin zu anderen Themen.

So verwundert die Situation heute nicht: Es gibt viele verschiede Bewegungen, die sich Natur- und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben haben.Da alle direkt oder indirekt auch Steuergeldern finanziert werden, verstehen sie sich nicht als eine große Familie, sondern sind eher von Neid und Mißgunst getragen. Frühere Verwurzelung in christlichen Werten wurde von religiösem (Neuheidentum, Esoterik) und ideologischen Meinungskorridoren verdrängt oder wurden gar vom neoliberalen Zeitgeist vermarktet und damit einseitig auf wenige Interessen ausgerichtet.

Was passiert noch wenn die Menschen die Beziehung zu ihrem Schöpfer verlieren?

Eric Voegelin (1901-1985) zeigt in seinem Werk „Die politischen Religionen“ auf, daß der Gedanke, die Welt sei prinzipiell wissenschaftlich erkenn- und erklärbar, ein Fundament bildete, aus dem sich ein geschlossenes dogmatisches Gebäude erhob, das alle konkurrierenden Weltanschauungen als „unwissenschaftlich“ zurückwies. Wenn dieses dazu noch mit emotional geladenen Inhalten aufgefüllt wird, entwickelt sich die politische Weltanschauung zu einem „Religionssystem“. Für Voegelin ist der Kern aller Weltanschauungsfragen immer religiöser Natur. Wobei bei fehlender Transzendenz am Ende dieser Entwicklung ein „Blutrausch der Tat“  zwangsläufig sein wird.

Auch wenn nicht alle einseitigen politischen Entwicklungen in einem Desaster wie beispielsweise die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Europa enden müssen, wirken Ideologien stets destruktiv. Ideologien bringen uns durcheinander, machen Angst und belasten uns mit einem schlechten Gewissen: Wir werden zu „Sündern“ in Bereichen, von denen es keine Erlösung gibt: Beim Einkauf, beim Müllverursachen, bei der Art der Fortbewegungsmittel, beim Essen etc. Die Folgen sind widersprechende Reaktionen: unberechtigte Schuldgefühle, Selbsterlösungsversuche, Ablaßzahlungen etc. Dadurch muß eine Werteethik zwangsläufig einer schwammigen Gesinnungsethik weichen. Mit „Moralischer Vorfahrt“ braucht man sich nicht mehr einem Diskurs stellen. Betroffenheit und Verantwortung aus der Anfangszeit der Umweltbewegung sind mittlerweile eher Ansprüchen gewichen. Deshalb sind wir heute mehr denn je aufgefordert, die Frage der Legitimationzu klären. Dazu muß man zurück zu den Wurzeln. Das wird kein einfacher Weg (wir können aber aus dem Gegenwind unsere Energie ziehen), weil „Wissen statt meinen“, „Sein statt scheinen“ auch mit Arbeit verbunden ist. Doch es lohnt sich. Denn auf diese Art können alle Naturschützer wieder eine „Zweckfamilie“ sein und ihre Ressourcen gemeinsam (jeder auf seinem Feld) der Natur zukommen lassen und nach außen geschlossen auftreten. Genährt aus der Wurzel, in der ich in der Endkonsequenz Gott selbst sehe, bekommen wir Kraft,  Inspiration und Auftrag. Zudem ist es eine Entlastung. Wenn ich als Verwalter arbeite, dann setze ich mich für die Ziele der Eigentümers (oder Schöpfers) ein. Als Individuum bin ich aber nicht gerufen die Welt zu retten. Das macht frei!


Im Anschluss an die Hauptvorträge gab es drei Kurzberichte aus der Naturschutzpraxis:

Michael Deckwart (NaSa e.V.) berichtete über seine Aktivitäten bei der Erfassung von Totschlagsopfern unter Windenergieanlagen im Windpark Ostritz. Seine unregelmäßigen und unsystematischen Begehungen bei Spaziergängen durch den Windpark erbrachten trotz ihrer Zufälligkeit eine erschreckend hohe Anzahl von getöteten Fledermäusen und Vögeln unterschiedlicher Arten (von Zwergfledermaus bis Rotmilan). Alle Opfer wurden der Staatlichen Vogelschutzwarte des Landesamtes für Umwelt Brandenburg gemeldet, zur Artbestimmung hat Michael Deckwart ein Netz an Ornithologen und Fledermausexperten aufgebaut. Sein Ziel ist, die tötlichen Auswirkungen von Windenergieanlagen auf Vögel und Fledermäuse bekannter zu machen und die Öffentlichkeit für das Thema stärker zu sensibilieren.

Birgit Deckwart (NaSa e.V.) berichtete von ihren Aktivitäten, im Raum Ostritz ein Umweltbildungs-Netzwerk aufzubauen, da sie als Lehrerin spüre, dass die Sensibilisierung der Kinder im Umgang mit der Natur am größten ist, wenn die Kinder bereits im Grundschulalter spielerisch, aber emotional an das Thema herangeführt werden.

Für Michael Eilenburger, dessen Vortrag leider kurzfristig abgesagt werden musse, hielt Karl-Heinz-Rutsch (Landesverein Sächsischer Heimatschutz) einen Vortrag über die Arbeit, Schwierigkeiten und Ergebnisse als ehrenamtlicher Kreisnaturschutzbeauftragter des ehemaligen Kreis Großenhain (jetzt Landkreis Meißen).

Impressionen vom 1. Sächsischen Naturschutzforum am 02.06.2018 in Oederan

 

018 Poster_Naturschutzforum NaSa

Programm

2018 Flyer_Naturschutzforum NaSa


Advertisements